Europa – Normandie (1999)
Die totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999
Wenn sich der Mond genau zwischen Sonne und Erde schiebt und damit seinen Schatten über die Erdoberfläche wandern lässt (oder, wie eine deutsche Tageszeitung BILDhaft schrieb, „wenn der Schatten der Sonne auf die Erde fällt“), entsteht eine Sonnenfinsternis. Eine totale Sonnenfinsternis, bei der es für wenige Minuten völlig finster wird, ist vielleicht das beeindruckendste himmlische Schauspiel, weil sie so überwältigend und gleichzeitig so selten ist. Es gibt jedes Jahr mehrere Sonnenfinsternisse auf der Erde, aber viele finden über dem Meer statt und/oder sind nicht total (siehe auch Bilder – Sonne – Sonnenfinsternisse).
Westeuropa, im Jahre 1999 nach Christus
Ganz Westeuropa liegt unter einer geschlossenen Wolkendecke.
Ganz Westeuropa? Nicht ganz. Ein kleines unbeugsames Flachsfeld im Nordwesten Frankreichs
(in der Nähe des Dörfchens Écretteville-sur-Mer) widersetzt
sich am 11. August 1999 im entscheidenden Augenblick dem dichten Schleier. Wir haben das Glück, genau an diesem
Flachsfeld mit unserem Wohnwagen zu stehen. Am Vorabend sah es jedoch noch anders aus …
Doch zunächst zur Vorbereitung. Was ist das Wichtigste, das man bei einer Sonnenfinsternis braucht?
Die Sonnenfilter! Ohne die geht nichts.
Einige Bastelarbeit und sechs DIN A4-Seiten Planung waren
nötig, um klarzustellen, wer wann wie welchen Auslöser zu drücken hat. Immerhin sind die
zwei Minuten Dunkelheit die einzige Chance, so ein Schauspiel zu sehen.
Suche die Sonne
Bis kurz vor der eigentlichen Totalität (also der kompletten Verdunklung) hat es noch
geregnet. Wir haben uns nicht mal getraut, das Vorzelt
unseres Wohnwagens abzunehmen … Außerdem entbrannte fast ein Streit über die korrekte Position
der Sonne. Die Horizont-Fraktion (siehe Bild) konnte sich jedoch nicht durchsetzen.
Also galt es, die Himmelsrichtungen ohne Sonne zu bestimmen. Leider hatten wir zwar eine ungeheure Menge
technischer Geräte dabei, aber nicht daran gedacht, uns einen Kompass oder eine Tabelle der
örtlichen Anfangs- und Endzeiten der Finsternis zu besorgen – immerhin ging es um Minuten.
Letzteres löste sich durch einen (ohnehin erforderlichen) Besuch der öffentlichen Bedürfnisanstalten von Écretteville, dort hingen wahrhaftig alle Daten aus – nochmals vielen Dank dafür. Fehlte noch die Südrichtung. Also: Per GPS den Längengrad bestimmt, mit dem Auto einen Kilometer nach Süden gefahren und dort so lange hin- und hergekreuzt, bis der Längengrad wieder derselbe war. Kurz bescheidgefunkt, und wenn dann das Teleskop auf das Auto ausgerichtet wurde, zeigte es genau nach Süden.
Warten …. Die Teleskope sind ausgerichtet, die Nachführung läuft, in mindestens sechs Okularen ist
die sich langsam verfinsternde Sonne zu sehen. Profis schauen aber lieber auf den Videomonitor.
In jedem guten Astronomiebuch steht, die Tiere spielen verrückt, wenn die Sonne sich verfinstert.
Tatsächlich lief bei uns plötzlich ein Reh durch die Felder, das von allen Anwesenden
bestaunt wurde. Fragt sich nur: a) War das Tierchen wirklich wegen der Sonnenfinsternis aufgeregt
(die noch gar nicht angefangen hatte)? b) Sind nicht eher die Leute ein bisschen, naja, …? Und
c) Warum telefonieren eigentlich alle? Als ob man nichts Besseres zu tun hätte.
Jetzt wird's dunkel
Und das ist sie, die Totalität! Im wahrscheinlich einzigen Wolkenloch der ganzen Normandie … Man sieht weiß das Gas
der Sonnencorona. Die Protuberanzen, herausgeschleuderte
Gasmassen, erscheinen als rote Flecke. Weil die Sonnenaktivität
zu dem Zeitpunkt gering war, war die Corona relativ „ruhig“. Corona und Protuberanzen gibt es natürlich immer, nur verschwinden sie halt normalerweise unter dem gleißenden Schein der Sonnenoberfläche.
Gleich nochmal. Dieses Bild ist etwas länger belichtet, daher die blaue Farbe. Die herausgeschleuderte Protuberanz
ist jetzt rechts statt oben, weil die Kamera etwas anders gedreht war. Weil der Himmel zu diesem Zeitpunkt noch etwas aufgeklärt hatte, sind
die Konturen wesentlich schärfer herausgearbeitet. Außerdem wurde für dieses Bild ein besseres Objektiv
benutzt, der große blaue 8-Zoll-Reflektor, der auf einem der vorigen Bilder zu sehen war. Viele andere Bilder
sind mit einem Spiegel-Teleobjektiv mit wesentlich kleinerem Durchmesser aufgenommen worden.
Bei noch längerer Belichtung (hier nachträglich eingedunkelt) sieht man die Sterne. Zum Beweis, dass
es wirklich Sterne sind, zeigen wir dasselbe Bild noch einmal als Sternkarte. (Die gelbe Linie ist die
Ekliptik, also die Ebene, in der sich die Planeten um die Sonne bewegen, und Sonne und Mond sind der durchgezogene beziehungsweise gestrichelte Kreis.)
Gut, es stimmt nicht hundertprozentig überein, aber einige Sterne sind halt durch Wolken verdeckt, andere (zum Beispiel der „dicke“ rechts, mit Namen übrigens SAO 98517) wahrscheinlich durch die Corona selbst. Die Bilder sind wie übliche Sternkarten orientiert, also Norden oben, Osten links.
Dank einer geeigneten Wolkenkonstellation besitzt dieses Bild eine gewisse Dramatik.
Das war sie, die zweiminütige Sonnenfinsternis von 1999. Dieses Bild ist nach Nordwesten aufgenommen und zeigt,
wie der ehemals finstere Himmel sich wieder aufhellt. Über dem Ärmelkanal, hinten im Bild,
herrscht schon wieder eitel Sonnenschein. Der Schatten zieht mit vielen Hundert Kilometern pro Stunde
weiter Richtung Stuttgart (dort war fast alles bedeckt), München (keine einzige
Wolke), Österreich, Ungarn (der ganze Plattensee war kurze Zeit dunkel), Rumänien, Iran.